ethnological essays

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Friday, January 13, 2006

second ethnological essay

Boas und Nachfolger

Charakterisiere den Ansatz der durch Boas inspirierten, nordamerikanischen Anthropologie der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Wodurch zeichnet sich eine relativistische Haltung in der anthropologischen Forschung aus und wie versuchten die NachfolgerInnen dieser Richtung diesen Ansatz weiterzuentwickeln?

1.) Einleitung

In meinem zweiten Essay möchte ich die oben bereits angegebene Fragestellung anhand des Werkes von Alan Barnard: “History and Theory in Anthropology“, den Vorlesungen des Faches „Geschichte der Kultur- und Sozialanthropologie“ von Prof. Gingrich und vor allem anhand des Tutoriums für „Geschichte der Kultur- und Sozialanthropologie“ beantworten.

2.) Kulturrelativismus – wie alles begann
Franz BOAS
(1858-1942)
Ist der Begründer des Kulturrelativismus in Nordamerika.
Franz Boas war deutsch-jüdischer Herkunft und nationalliberaler Burschenschafter mit Interesse an den kulturellen Gemeinsamkeiten der Menschen noch bevor er Ethnologe wurde.
In Deutschland wurde er, unter Adolf BASTIAN (Arzt, Naturwissenschaftler & Gründer der deutschsprachigen Ethnologie), Mitarbeiter, des zur damaligen Zeit größten Museums der Welt, des Museums für Völkerkunde in Berlin.
Boas war genauso wie Bastian Empiriker & Anti-Evolutionist, und habilitierte bei ihm als Ethnologe.
Er schrieb seine erste Monographie nachdem er im Auftrag deutscher Regierungs- und Forschungsstellen in Nordamerika Eskimos untersuchte (1880: JESUP-NORTH PACIFIC Expedition). Die daraus entstandene Arbeit nennt sich The Central Eskimo (1888).
Aus dieser Expedition ergab sich für Boas die erste Felderfahrung. Er hat die These formuliert, dass zuerst die lokalen Details untersucht werden müssen, erst dann kann man sich dem Allgemeinen wieder zuwenden (induktiv).
Er war einer der ersten, der die Jäger und Sammler genau und aus der Nähe untersuchte. Sein erstes Ergebnis seiner Einsicht: „Mit der Geographie alleine komme ich da nicht weiter, da gibt es noch etwas Anderes, was die bloße Ableitung von Umwelteinflüssen, und der Auseinandersetzung mit diesen allein, nicht erfahrbar und beschreibbar ist.”
Jede Kultur ist für Außenstehende auf Dauer unverständlich, außer man beteiligt sich an ihr wissenschaftlich und das können nur Forscher. Kulturen bleiben für außenstehende Laien unverständlich: sie seien wie Sprache. Und, eben wie Sprachen, müssen sie erlernt werden.
Boas: „Kultur ist wie Sprache“. (Wenn ich nicht die Sprache kann, dann verstehe ich die Menschen nicht, wenn ich mich nicht mühsam einarbeite, verstehe ich die Kultur nicht.)
”He countered this with an insistence on ethnographers conducting their fieldwork in the native language, and through use of the language, gaining an insider’s view of the culture under study.“
[1]

Boas relativistische Haltung: „Jede Kultur soll nicht als Beleg für irgendetwas anderes verstanden werden, sondern aus sich selbst heraus” - es gibt keine allgemeinen Maßstäbe zum Urteil von Kultur, war sein Credo, und das seiner Schüler.


3.) Kulturrelativismus (historischer Partikularismus):
1. Generation an Boas’ Schülern
Alfred L. KROEBER (1876 - 1960), Robert LOWIE (1883 - 1957)

Zur Charakterisierung dieser 1. Generation: beide hatten Deutsch als Muttersprache.
Sie blicken also stark nach Deutschland und meinen, dass die Phänomenologie, die Psychoanalyse, usw. eben diesem Bereich zu verdanken sind. KROEBER orientiert sich am stärksten an BOAS, LOWIE nicht so. Seine beiden Werke werden durch das Band des relativistischen Kulturkonzeptes durchzogen. Diese Ausarbeitung und Verhärtung des Relativistischen wird in Superorganic behandelt; es handelt sich um ein fiktives, überorganisches Konstrukt, das aber vollkommen ungreifbar und unveränderbar ist (Kritik – Kultur ist vom Menschen machbar, veränderbar). Kroeber meinte, Kultur kann sich verändern, aber nur unter ganz bestimmten Bedingungen.
Bei Robert Lowie rückt das selbst-reflexive Element in den Vordergrund. Sein Werk The German People (1945) hängt zusammen mit dem Werk von Ruth Benedict The Crysanthemum and the Sword (1946). Zu jener Zeit wurden nämlich viele Arbeiten über und um die Kriegsgegner gefördert und veröffentlicht.

2. Generation
Ruth BENEDICT (1887 - 1948), Margaret MEAD (1901 - 1978), Edward SAPIR (1884 - 1939)

Sowohl Ruth BENEDICT als auch Margaret MEAD waren vorzügliche Schreiberinnen.
Das Besondere wurde bei ihnen hervorgehoben. Ihre Verdienste liegen in der Aufwertung unseres Faches, durch ihre Bücher und ihre Popularität.
Beide Frauen machten sehr früh klar, dass es auch etwas Anderes gibt als nur den Standpunkt der Männer. Mead stellt darüber hinaus die Stellung der Kinder und Jugendlichen (Coming of Age in Samoa, 1928) dar, sie bewirkten eine Liberalisierung unseres Faches.
“[…] Mead gained insights into American culture through her studies in Samoa and elsewhere.“ [2]
Sie haben auch den Begriff der „Identität“ eingeführt (“culture & personality – Richtung“): Jede Kultur formt ihre Angehörigen, also Kultur konstituiert Persönlichkeit, d.h. sie haben den kulturellen Zugang eingebracht. Davor war der Identitätsbegriff ein Begriff der Psychologie, also ein individueller Begriff, aber ihrer Meinung nach hat die Identität immer mehrere Seiten, und manche davon sind nicht individuell.
Edward SAPIR ist ein Vertreter der “linguistic Anthropology“, die sich nach Franz Boas herausbildete. Er wurde berühmt mit Sprache, Denken, Wirklichkeit und erarbeitete mit seinem Dissertanten Benjamin WOLF die linguistische Relativitätstheorie, welche besagt, dass wir Menschen Wirklichkeit nie per se wahrnehmen,
sondern immer nur durch vorgegebene Konzepte wie Sprache, und dass, umgekehrt, Sprache nicht gleich Sprache ist. Bei Sapir heißt das, dass je nach dem, welche Sprache wir erlernt haben, die Wirklichkeit so wahrgenommen wird. Das Denken ist also sprachabhängig.

Eine Kritik am starken Kulturrelativismus, aber eine Überlegung zur schwachen Variante im Zusammenhang mit der linguistischen Relativitätstheorie:
Für das Wort „Angst“ z.B. wird man kein englisches Equivalent finden können. Auch kann „Bildung“ aus dem Deutschen nicht wörtlich übersetzt werden.

Contras zur linguistischen Relativitätstheorie:
Aus der Lerntheorie und der modernen Kognitionsforschung weiß man, dass Kleinkinder z.B.
schon lange bevor sie das Wort „Haus“ formulieren können, wissen, was ein Haus ist, also
der Mensch eine ganz elementare vor- & außersprachliche Komponente hat (z.B. Mutter ist
zumindest eine andere Frau in einer ähnlichen Situation) d.h. Verallgemeinerungen, über
Einzelbegriffe hinaus, sind vor dem sprachlichen Ausdruck da.
Ein weiteres Beispiel: „[…] people who speak closely related languages can have quite
different cultures.” [3]

Sapir war befreundet mit Ruth Benedict und Margaret Mead (die drei führten eine Art „menage a trois“), daher findet sich bei diesen drei auch gegenseitige Beeinflussung in ihren Veröffentlichungen.
A
lle drei waren sozusagen die klassischen Erben des Kulturrelativismus.

3. Generation
George P. Murdock (1897 - 1985), Lesslie A. White (1900 - 1975), Julian Steward (1902 – 1972)

Der konservativere Flügel orientierte sich stark auf statistische und biologische (biologistische) Methoden hin. Sie meinten, lassen wir die Kulturvergleiche und konzentrieren wir uns auf harte naturwissenschaftliche Fakten.
Für sie war besonderes wichtig, dass diese wissenschaftlichen (scientistic) Anliegen durch den CCS (Cross Culture Survey), also den interkulturellen Vergleich auch umgesetzt werden. Es handelt sich um eine Vergleichsweise, die es noch heute gibt. Das Projekt geht davon aus, dass die erforschten Fakten datenmäßig aufzubereiten sind, sodass man dann auf Knopfdruck Fakten hat wie z.B. Wie viele Gesellschaften auf der Welt sind matrilinear, oder wie viele Gruppen praktizieren die weibliche Beschneidung, usw. Methodisch ist dies aber höchst fragwürdig, dennoch sind die Ergebnisse im Zusammenhang mit Häufigkeitsvergleichen recht interessant.
WHITE vertritt einen eher auf Energieaustausch bezogenen Neoevolutionismus.
White’s Law (1943): “culture evolves as the amount of energy harnessed per capita per year increases“ (Kultur entwickelt sich in dem Ausmaß, in dem die Pro-Kopf umgesetzte Energie ansteigt).
Er war auch der Lehrer von SAHLINS und anderen Kulturökologen, die sich immer wieder darauf bezogen, wie Gesellschaft mit Energie umgeht: sparsam, verteilend, ausbeuterisch, usw. Dieser Ansatz ist auch interdisziplinär orientiert und nimmt trotzdem auf die lokalen Begebenheiten Bezug. Diese Tradition der Kulturökologie spielt bis heute eine große Rolle.

4.) Kognitive Anthropologie – Kenneth L. Pike (1912 - 2000)
Das emisch/etisch Konzept (von den linguistischen Termen "phonemic"/"phonetic") wurde 1954 von dem Linguisten Kenneth L. PIKE für die Anwendung in der Linguistik und der Anthropologie entwickelt.
emisch/emic: bedeutungsunterscheidend, distinktiv, relevant; Strategien und Redeweisen, die den handelnden Personen innerhalb einer kulturellen Gemeinschaft sinnvoll erscheinen, jedoch nicht ohne weiteres außenstehenden Beobachtern.
Die emische Perspektive (des "insiders" oder Eingeborenen) muss keine objektive Realität wiedergeben, hilft aber dem Forscher zu verstehen, warum Mitglieder einer sozialen Gruppe auf eine bestimmte Art und Weise handeln. Die emische Perspektive zwingt dazu, verschiedene Realitäten zu berücksichtigen, zu akzeptieren, und sich mit Kategorien zu identifizieren, die den Mitgliedern dieser Gruppe etwas bedeuten.

etisch/etic: nicht bedeutungunterscheidend, nicht distinktiv, nicht relevant; Strategien und Redeweisen, die den außenstehenden Beobachtern sinnvoll erscheinen, jedoch nicht ohne weiteres den, von ihnen beobachteten, handelnden Personen. Die etische Perspektive ist eine externe, sozialwissenschaftliche Perspektive der Realität. Sie ist für erstes Datensammeln und für kulturelle Vergleiche hilfreich.
Die meisten Anthropologen beginnen mit der emischen Perspektive Daten zu sammeln. Sie versuchen anhand der Sicht der Eingeborenen (emisch) sowie ihrer eigenen wissenschaftlichen Analyse (etisch) eine Situation zu erklären.
Ein Anthropologe sollte beide Perspektiven berücksichtigen.
“[…] the etic is the level of universals, or the level of things which may be observed by an “objective” observer. The emic is the level of meaningful contrasts within a particular language or culture.”
[4]

Nach Pikes Pionierarbeit versuchten Anthropologen, die Beziehung zwischen emischen und etischen Kategorien zu formalisieren. Viele wandten sich der Verwandtschaft zu. Emische Strukturen sind in Beziehungsterminologien besser ersichtlich als irgendwo anders.

Literaturangaben:
[1] vlg. Barnard, Alan. History And Theory In Anthropology, 2000. Cambridge
University Press. (p.101)

[2] vlg. Barnard, Alan. History And Theory In Anthropology, 2000. Cambridge
University Press. (p.105)

[3] vlg. Barnard, Alan. History And Theory In Anthropology, 2000. Cambridge
University Press. (p.110)

[4] vlg. Barnard, Alan. History And Theory In Anthropology, 2000. Cambridge
University Press. (p.114)

Frederik Barth, Andre Gingrich, Robert Parkin, Sydel Silverman: “One discipline four Ways: British, German, French and American anthropology“, 2005. Chicago University Press.

Hans Fischer / Bettina Beer. Ethnologie - Einführung und Überblick, 2003. Dietrich Reimer Verlag. (S.224 und ff.)

Referate vom 9.12.2005 (Boas, Mead, Benedict), 16.12.2005 Kulturökologen, Materialisten (Steward, White)

Websites:

http://de.wikipedia.org/wiki/Kulturrelativismus

http://de.wikipedia.org/wiki/Franz_Boas

http://de.wikipedia.org/wiki/Alfred_Kroeber

http://de.wikipedia.org/wiki/Ruth_Benedict

http://de.wikipedia.org/wiki/Margaret_Mead

http://de.wikipedia.org/wiki/Edward_Sapir

Thursday, November 24, 2005

first ethnological essay

Funktionalismus
2. Welche Hauptfragen und -anliegen kennzeichnen den Funktionalismus eines Malinowski oder den Strukturfunktionalismus eines Radcliffe-Brown? Diskutiere die Beiträge in Theorie und Methode, die die beiden Gründerfiguren der britischen Anthropologie in die Wissenschaftstradition einbrachten.

Die beiden Wissenschaftler Bronislaw Malinowski und Radcliffe-Brown werden im Zusammenhang mit der Begründung der (britischen) Anthropologie oft in ein und denselben „Topf geworfen“, obwohl beide sehr verschiedene wissenschaftliche Arbeitsweisen, Ansichten und Konzepte verfolgten.
Doch dazu später noch genaueres.
Zu allererst ist es auch wichtig zu erwähnen, dass der Funktionalismus als Kritik am Evolutionismus und Diffusionismus entstand und auf den Vertreter des Evolutionismus Emilé
Durkheim (franz. Soziologe, welcher einzelne Institutionen als Organe eines soziokulturellen Systems ansah) zurückgeht.[1]

BRONISLAW MALINOWSKI (1884-1942)

Malinowski war Staatsbürger der österreichisch-ungarischen Monarchie und wuchs in Krakau als Sohn eines damals bekannten Linguisten, auf. Heute gilt er neben Radcliffe-Brown als einer der Begründer des britischen Funktionalismus.
Malinowski wird auch als so genannter „Vater der Feldforschung“ tituliert, weil er als einer der ersten die Methode der „teilnehmenden Beobachtung“ in der Ethnologie, welche von vielen Seiten sehr kritisiert wurde, vertrat.
Die notwendigste Vorraussetzung und Kern der Feldforschung ist die teilnehmende Beobachtung.
Ideal für eine Feldforschung sind 8-12 Monate vor Ort, wobei Interviews, das Internet, etc. nur zur Ergänzung dienen. Teilnehmende Beobachtung heißt nicht andauernd zu sprechen, sondern zu hören (optisch nicht akustisch), mitarbeiten, die einheimische Sprache lernen, und lange bleiben um möglichst wenig als Störfaktor/Neuling aufzufallen – und den Alltag zu unterbrechen, auch um einen Jahreszyklus, und z.B.: Feste, Geburten, Heiraten oder auch Unglücksfälle mitzuerleben.
Auch eine respektvolle Distanz gehört dazu. Es gibt gewisse Grenzen, eine Überidentifikation ist fehl am Platz.
Des Weiteren sei gesagt, dass Feldforschung nicht unbedingt weit weg erfolgen muss, sondern kann auch in den Hinterhöfen der eigenen Umgebung geschehen.
Seine erste große und berühmteste ethnographische Feldforschung machte er 1914 auf den Trobriand-Inseln (Inselgruppe im Südpazifik, die zu Papua-Neuguinea gehört. Die Hauptinsel ist Kirwina. Auf den Trobriand-Inseln leben ~ 20,000 Einwohner).
Der 1.Weltkrieg brach aus und Malinowski hatte einen Pass der kaiserlich-königlichen Doppelmonarchie Österreich-Ungarn und wurde daher von der britischen Kolonialmacht als Kriegsgegner interniert. Er durfte aber weiterhin Feldforschung betreiben und blieb nach dem Jahr seiner Intervenierung sogar noch 2 ½ länger auf den Trobriand-Inseln.
Malinowski untersuchte primär die vorherrschende Kultur und den Kula-Handel.
Sein erstes Werk „Argonauten des westlichen Pazifiks“ (Trobriander waren ausgezeichnete Seeleute deswegen Argonauten) 1922, wurde außerhalb der Fachkreise der Ethnologie zum Bestseller und gilt als Hauptwerk Malinowskis.
Für seine Zeit war er ein ausgezeichneter Schreiber, hat sehr populär und flüssig geschrieben (sogar teilweise selbst ins Deutsche übersetzt).
In seinem Buch beschreibt er die Methode der ethnographischen Feldforschung, es folgt eine Beschreibung der Trobriand-Inseln und er erzählt über seine Ankunft auf der Insel.
Detailliert beschreibt er das Phänomen des Kula-Handels, das er bei den Trobriandern entdeckt hatte.
Der Kula-Handel ist ein ritueller Tauschhandel, bei dem zwei Wertgegenstände getauscht werden:
SOULAVA: Halsketten aus kleinen roten Muschelplättchen, werden im Uhrzeigersinn weitergegeben; MWALI: Armreifen aus einem weißen Muschelring, die gegen den Uhrzeigersinn getauscht werden.
Der Tausch erfolgt in einem geschlossenen Kreislauf, von Insel zu Insel (Überseekula) oder von Dorf zu Dorf (Binnenkula), auf fixierten Routen, zu bestimmten Zeiten. Jedes Detail ist festgelegt. Nahezu in jedem Dorf und jeder Insel nehmen Männer (keine Frauen!) am Kula-Handel teil. Ein Objekt darf max. 2 Jahre behalten werden, dann muss es weiter getauscht werden. Einen Kula-Partner behält man sein Leben lang.
Besonderen Wert legt Malinowski darauf, das Phänomen des Kula-Handels aus sich selbst und aus der Sicht der Trobriander heraus zu erklären und nicht dem „Eurozentrismus“, d.h. aus der Sicht eines europäischen Forschers, zu verfallen. Sein Gegenspieler Radcliffe-Brown hingegen bezieht sich besonders auf diesen.
Nach seinem Tod, 1967, wurde sein Tagebuch veröffentlicht, welches auch negative und abfällige Bemerkungen über die Einheimischen enthält. Malinowski soll zweifelsohne frustriert gewesen sein und den Frust ins Tagebuch geschüttet haben, das soll aber seine wissenschaftlichen Arbeiten nicht abwerten, obwohl Malinowski auch ein selbstgefälliger und arroganter Mensch gewesen sein soll. Er brauchte einfach einen „Ort“ wo er Luft ablassen konnte und deswegen sollte er nicht als Rassist dargestellt werden.
Bevor Malinowski nach London ging, war er ein Semester in Leipzig bei Wilhelm Wundt (Professor für Völkerpsychologie), der Malinowski anregte sich mit der Psychologie zu beschäftigen. Daraufhin setzte sich Malinowski mit der Psychoanalyse, wie sie von Freud begründet wurde, auseinander. Malinowski und Freud kannten einander gut und verbrachten gemeinsame Sommerurlaube in Südtirol.
So entstand 1927 ein weiteres Werk Malinowskis mit dem Titel: “The father in Primitive Psychology“.
Malinowski sagte etwas Wichtiges aus, etwas das Psychologen nicht so gerne hören, und zwar: das Kernstück der Psychoanalyse, der Ödipus-Komplex (Säuglinge verlieben sich in gegengeschlechtlichen Elternteil und sind ständig im Kampf mit gleichgeschlechtlichem Elternteil) ist nicht universell.
Die Kernstruktur der Psychoanalyse, also die (kleinbürgerliche) Familie, ist in anderen Teilen der Welt nicht zu finden, wie z.B.: auf den Trobriand-Inseln. Dort leben nämlich alle der Mütter der zugehörigen Verwandten unter einem Dach und bilden eine Familie, der Vater aber lebt bei seiner Schwester. Die nächste Bezugsperson für Ego ist also nicht der Vater, sondern der Mutter-Bruder.

ALFRED REGINALD RADCLIFFE-BROWN (1881-1955)
Radcliffe-Brown wurde am 17. Jänner 1881 in Birmingham geboren, war ein Pionier des Strukturfunktionalismus und wird heute zusammen mit dem Briten Malinowski als Gründer der Sozialanthropologie angesehen. Er hatte außerdem eine medizinische Ausbildung als Medizinstudent und Pfleger.
Radcliffe-Brown beschäftigte sich vor allem mit folgenden drei Punkten:
1.) Gesellschaft
2.) Struktur und Funktion
3.) Verwandtschaft
Auf diese drei Punkte werde ich jetzt noch genauer eingehen.
Radcliffe-Brown war ein begeisterter Vertreter des Anarchismus (bekam aus diesem Grund auch den Spitznamen “Anarchy Brown“ [2]), und beschäftigte sich deswegen Zeit seines Lebens mit folgenden Fragen:

ad 1.) Können die Menschen ohne Herrschaft leben - ohne Staat?
Gibt es Gesellschaften ohne Staat und wie funktionieren sie?
Beeinflusst von seinem Lehrer Emilé Durkheim und den Philosophen Hobbes und Jean-Jacques Rousseau, befasste er sich mit Herrschaftssystemen und Organisationsformen nicht-industrieller Gesellschaften.
Er ging den Gedanken von Hobbes (Menschen brauchen eine starke Hand, sonst kommt es zum Krieg - „jeder gegen jeden“) nach, welche es schon in den Ansätzen bei Durkheim (die beiden Arten der Solidarität, v.a. die mechanische, also die, die Menschen zusammenhält) gab und führte diese in eine bestimmte Richtung weiter.
Radcliffe-Brown konzentrierte sich weniger auf die Jäger und Sammler, also auf die Bodenbauern, er überlegte sich viel mehr wie er diese Gesellschaft besser verstehen kann, und ging von einem Gleichgewichtsmodell aus.
Das Gleichgewichtsmodell von Radcliffe-Brown sieht im Detail folgendermaßen aus:
Staatenlose Gesellschaften funktionieren am besten dann, wenn sie sich aus gleichartigen Subsystemen zusammensetzen. Der Schlüssel zum Verständnis, wie staatenlose Gesellschaften funktionieren, findet sich im Gleichgewicht der Subsysteme. Wie eine Gesellschaft z.B.: aus verschiedenen Sub-Tortenstücken besteht – wobei jedes Tortenstück das Gegengewicht zum anderen Tortenstück ist – so wird die Balance, das Gleichgewicht gehalten.
ad 2.) Bei Radcliffe-Brown steht die Theorie im Unterschied zur Methode im Mittelpunkt. Der Begriff Blattmetapher (geht auf Durkheim zurück) kommt in seinem Werk “Structure and Function in Primitive Society“ 1952, vor. [3]
In dieser veranschaulicht er die Idee des Gleichgewichtsmodells.
Blattmetapher: Wie untersucht man eine Gesellschaft?
Gesellschaft ist für Radcliffe-Brown eher ein Ding, das nicht besonders beweglich ist. Außenbeziehungen sind beschränkt.
Wichtig: innerhalb der Gesellschaft ist für ihn die Struktur entscheidend. Die Struktur ist das, was alles zusammenhält und dem Ganzen die Form gibt. So muss man in einer Gesellschaft herausfinden, was das Strukturierende ist. Struktur, sind wie die Haupt- und Nebenadern des Blattes.
Die Struktur einer Gesellschaft ist an der Oberfläche und kann direkt beobachtet werden (wie die Blattadern).
ad 3.) Segmentäre Theorie [4]:
Das wichtigste Gliederungsprinzip ist die staatenlose Gesellschaft. Was die einzelnen Segmente strukturiert, ist die Verwandtschaft. Radcliffe- Brown legt daher eine besondere Betonung auf die Kinship Studies und ist insofern Fortsetzer der Morganschen Tradition.
Im Vergleich war Malinowskis Blick auf die Verwandtschaft immer sehr stark durch die enge Dimension der Genealogie (Abstammung, Herkunft geprägt) à Deszendenzprinzip (Wo kommst du her, wer ist dein/e Vater/Mutter...?), aber auch Verwandtschaft kann man unter ganz verschiedenen Gesichtspunkten sehen, z.B.: auch die Terminologie.
Brown war der Erste, der versucht hat
bei der Analyse von Verwandtschaft diese beiden Gesichtspunkte zu berücksichtigen.

Radcliffe-Brown war im Gegensatz zu Malinowski in der Feldforschung weniger erfolgreich.
Malinowski ist eher der Forscher, Radcliffe-Brown hingegen der Theoretiker.[5]


Literaturangaben:

[1] vgl. Alan Barnard: “History and Theory in Anthropology“, 2000. Cambridge University Press. (p.200)

[2] vgl. Frederik Barth, Andre Gingrich, Robert Parkin, Sydel Silverman: “One discipline four Ways: British, German, French and American anthropology“, 2005. Chicago University Press. (p.27)

[3] vgl. Thomas Hylland Eriksen: “Small Places, Large Issues” Second Edition, 2001. Pluto Press.

[4] vgl. LV Einführung in die Geschichte der Kultur- und Sozialanthropologie vom 23.11.2005 – Univ. Prof. Dr. Andre Gingrich, WS 2005/2006

[5] vgl. Alan Barnard: “History and Theory in Anthropology“, 2000. Cambridge University Press. (p.77)


Websites:

http://de.wikipedia.org/wiki/Bronislaw_Malinowski

http://de.wikipedia.org/wiki/Alfred_Radcliff-Brown

http://www.rzuser.uni-heidelberg.de/~tkirrste/bronislaw_malinowski.html